Herr der bunten Warenwelten, Die Welt, 24. August 2009
Goys Gespräche: ALEXANDER OTTO baut überall in der Welt Shopping-Center. Außerdem ist er seit 37 Jahren HSV-Fan
Von Martina Goy
Seit neun Jahren ist er Chef von Europas größtem Einkaufszentren-Betreiber ECE. Doch auch im Sport mischt er als HSV-Aufsichtsrat mit. Ein Gespräch über Fußstapfen, Hosenkäufe und den reellen Hamburger Blick auf die Krise
Die Welt: Herr Otto, stimmt die Information, dass Sie ein ordnungsliebender Mensch sind?
Alexander Otto: Wie genau meinen Sie das?
Welt: Es heißt, Sie haben schon früh ein Faible für gewisse Ordnungssysteme entwickelt. Stichwort Fußball-Statistiken?
Otto: Das stimmt. Ich bin von klein auf Fußballfan. Und als ich mit Zahlen umgehen konnte, habe ich alles, was mit den Spielen zu tun hatte, in Tabellen festgehalten.
Welt: Als Hamburger ist die Wahl des richtigen Fußballklubs aber nicht ganz einfach ...
Otto: Für mich schon. Ich bin HSV-Fan, seit ich fünf Jahre alt bin. Daran hat auch eine in Bayern verbrachte Jugend nichts geändert. Natürlich war ich im Stadion, wenn der HSV nach München kam.
Welt: Der frühere Abonnementsmeister Bayern München hatte nie eine Chance bei Ihnen?
Otto: Nie!
Welt: Inzwischen engagieren Sie sich bei Ihrem Lieblingsverein auch als Aufsichtsrat. Wer wird der neue Sportchef?
Otto: Dazu kann ich nichts sagen.
Welt: Dauert die Suche noch lange?
Otto: Ich sage es einmal so, wir sind nicht inaktiv.
Welt: Die Botschaft kommt an. Themenwechsel also. Ihr Vater wurde gerade 100 Jahre alt. Er hat ein Handelsimperium gegründet. Wie groß waren die Fußstapfen für Sie?
Otto: Ich bewundere meinen Vater sehr, habe viel von ihm gelernt. Er hat mich immer gefördert. Aber als ich ins Unternehmen kam, da hatte er sich schon zurückgezogen. Wir hatten nie ein Konkurrenzverhältnis, welches eine Vater-Sohn-Beziehung hätte stören können.
Welt: Sie wussten früh, dass Sie Kaufmann werden wollten. Schon mit sieben Jahren haben Sie alte Münzen und Ramsch auf einem Flohmarkt verkauft ...
Otto: ... und von dem Geld habe ich mir den neuesten "Kicker" gekauft und Fußballbilder zum Tauschen ...
Welt: Obwohl Sie auch mal Wissenschaftler werden wollten. Wie passt das dazu?
Otto: Ich habe in Harvard studiert. Dieses Leben auf dem Campus, das Miteinander, hat mir unglaublich gut gefallen. Dazu der Kontakt mit den besten Wissenschaftlern. Diese Welt hat mich fasziniert. Ich hätte mir ein Leben an der Universität durchaus vorstellen können.
Welt: Was kam dazwischen?
Otto: Das kann ich im Nachhinein gar nicht mehr so genau sagen. Vielleicht war es die Praxisorientiertheit des amerikanischen Business-Studiums, die mich dann doch die Wirtschaft wählen ließ.
Welt: Nach Ihrem Studium haben Sie lange in den USA gearbeitet. Was hat der Deutsche dort gelernt und was vielleicht abgelegt?
Otto: Ich habe mir sicherlich viel von der positiven Grundeinstellung der Amerikaner abgeschaut. Deren Mut, wieder aufzustehen, ist etwas, das wir auch hier bei uns gut gebrauchen könnten ... Tja, und was habe ich dagelassen? Geblieben ist eine starke Bindung an dieses Land. Meine Schwester lebt in New York. Wir besuchen Sie dort gern. Und dann natürlich unsere intensiven Geschäftsbeziehungen dorthin.
Welt: Sie sind mit einem Millionen-Investment gerade bei DDR, einem der größten amerikanischen Shoppingcenter-Betreiber in den schwierigen US-Immobilienmarkt eingestiegen. Ein Risikogeschäft?
Otto: Kein Geschäft ist ohne Risiko, wobei mir besonders wichtig ist, gut abzuwägen und nur kalkulierte Risiken einzugehen. Ich sehe in den USA insbesondere im discountorientierten Shoppingcenter-Geschäft ein großes Potenzial. Traditionell erholen sich die USA auch immer besonders schnell von Wirtschaftskrisen - dies sollte auch den Geschäften von DDR zugutekommen.
Welt: Sind die US-Malls Vorbild für hiesige Einkaufszentren?
Otto: Heiratskapellen oder andere schrille Ideen sind hier sicher nicht umzusetzen. Auch Kinos funktionieren in deutschen Einkaufszentren nicht so gut wie in anderen Ländern. Aber es gibt Trends, die über den Ozean auch zu uns herüberschwappen.
Welt: Welche sind das?
Otto: Aktuell ist es das sogenannte Off-Price-Retailing. Darunter versteht man den Verkauf von Markenartikeln aus Überproduktionen zu besonders günstigen Preisen. TK Maxx ist damit sehr erfolgreich.
Welt: Wie stark fließen beim Bau von Shoppingcentern die speziellen Eigenarten eines Landes ein? Oder gilt das Ketten-Prinzip? Einmal ECE, überall ECE.
Otto: Wir bauen stets Unikate und nennen unsere Zentren bewusst nicht ECE. Natürlich gehört vor dem Bau eines neuen Einkaufszentrums die genaue Marktanalyse am jeweiligen Standort dazu.
Welt: Was passiert, wenn die Karstadt-Häuser dichtmachen? Besetzen Sie mit ECE die Flächen?
Otto: Viele der Warenhäuser eignen sich nicht zum Ausbau als Shoppingcenter. Sie sind in der Grundfläche zu klein und zu vielgeschossig. Aber interessante Innenstadtlagen sind immer ein Thema.
Welt: Ist das Warenhaussterben endgültig, oder gibt es eine Lösung?
Otto: Große Kaufhäuser mit Erlebnischarakter wie das KaDeWe in Berlin zum Beispiel sind sicherlich zukunftsfähig. Schwierig wird es für manche Häuser in den kleineren Städten. Insgesamt wird die Anzahl der Warenhäuser aber sicherlich weiter abnehmen.
Welt: An dieser Entwicklung sind Sie als Betreiber von Shoppingcentern in den Innenstädten nicht unschuldig. Ihre Häuser saugen den Warenhäusern die Kunden weg.
Otto: Das sehe ich anders. Gut geführte Warenhäuser und Einkaufscenter schließen sich nicht aus, an vielen Standorten kooperieren wir sogar. Aber kleine Warenhäuser können sich nur schwer gegen die Konkurrenz zunehmender Einzelhandelsketten und ihrer Läden durchsetzen.
Welt: Wie kauft denn der Chef vieler Shoppingcenter weltweit persönlich ein? Erledigt das die Ehefrau?
Otto: Das mache ich natürlich selbst. Ich muss beruflich ständig an vielen unserer Standorte sein. Es gehört für mich dazu, zu wissen, wohin die Trends gehen. Schließlich ist der richtige Ladenmix in einem Shoppingcenter von größter Bedeutung.
Welt: Dann sind Sie modebewusst?
Otto: Ich kenne nicht den neuesten Schick. Aber wenn ich mir eine Kurve vorstelle, dann würde ich sagen, ich liege modisch in der Mitte.
Welt: Und wie kaufen Sie ein?
Otto: Wie meinen Sie das jetzt?
Welt: Kaufen Sie wie viele Männer ein? Also Hosen und Hemden gleich im Dreierpack, wenn die richtigen gefunden wurden?
Otto: Wenn das männlich ist, ja, auch ich kaufe gleich mehrere Sachen, wenn mir etwas gefällt.
Welt: Wagen Sie einen Blick in die Zukunft? Trotz Krise ist die Konsumstimmung in Deutschland noch gut. Bleibt das so?
Otto: Das Gute in Deutschland ist: Wir reagieren in Boomzeiten nicht so extrem wie andere und umgekehrt in der Krise glücklicherweise auch nicht. Deshalb rechne ich nicht mit einer signifikanten Verschlechterung. Unsere Zahlen belegen das. Wir haben das zweite Quartal mit einem knappen Plus bei den Centerumsätzen abgeschlossen. Und auch in den USA und Osteuropa stehen die Zeichen auf Erholung. Ich bin zuversichtlich.
Welt: Sagt der Deutsche mit angelerntem amerikanischem Optimismus?
Otto: Sagt der Hamburger mit reellem Blick auf die Situation.
Das Gespräch führte Martina Goy