ECE-Retail-Newsletter, Juli 2018

„Zeit ist die Währung“

Klaus Rethmeier, Director Key Account Management International Leasing, über die längst vergessene alte Offline-Zeit, coole Coffee-Hotspots und Center als regionale Community Hubs

Klaus Rethmeier

Klaus, Du bist seit 1996 bei der ECE. Wie hat sich der Handel seitdem verändert?

Der Handel hat sich natürlich unheimlich verändert. Vor zwanzig Jahren waren die Voraussetzungen ganz andere. Das war noch eine Zeit ohne Internet und E-Mails. Außerdem gab es in den damals neuen Bundesländern einen großen Nachholprozess bei den Verkaufsflächen. Deswegen sind dort viele Center entstanden, die alle auch hervorragend liefen. Mit der Euro-Einführung kam es vorübergehend zu einem kleinen Dipp, aber danach lief es wieder sehr gut weiter. Sehr viele regionale Mieter und Existenzgründer versprühten eine regelrechte Aufbruchstimmung. Ab 2006 haben wir gemerkt: Online wird immer stärker – und damit auch die globalen Marken.

Welche Anforderungen muss ein Center heute erfüllen?

Was die Kunden wünschen und die Mieter anbieten – das ändert sich heute deutlich schneller. Die Halbwertzeit von Marken oder Trends ist viel kürzer als früher. Daher müssen wir immer flexibel sein, um die neuesten Trends in die Center zu bekommen. Aber noch etwas anderes hat sich grundlegend geändert. Heute muss niemand mehr ins Center kommen, man kann alles auch online nach Hause bestellen. Deshalb müssen unsere Center viel mehr Funktionen erfüllen als früher. Sie müssen Nachbarschaftscharakter haben mit Aufenthaltsqualität und Wohlfühlatmosphäre. Uns geht es darum, die Zeit des Kunden zu gewinnen. Das ist die Währung, die extrem wichtig ist. Wenn ich tolle Angebote habe, kommt der Kunde und bleibt für eine Zeit bei uns im Center.

Wie hat sich die Bedeutung der Gastronomie verändert?

Die Gastronomie hat bei uns eine Komplettentwicklung erlebt. Noch 1999 war die Meinung weit verbreitet, dass Gastronomie im Center eher lästig sei, weil sie Gerüche und Lärm verursache. Wenn möglich, solle die Gastronomie in Seitenlagen angesiedelt werden. Und ansonsten könne man ja auch beim Metzger oder Bäcker etwas essen. Diese Sichtweise hat sich natürlich komplett geändert. Wir haben erkannt: Der Kunde kommt ins Center und möchte etwas essen. Zunächst waren es Quick-Service-Konzepte wie McDonald’s, Nordsee oder Mr. Clou. Dann kam die große Kaffeezeit mit Starbucks, Balzac, World Coffee und vielen anderen. Natürlich gab’s auch immer Eiscafés – früher teilweise bis zu 500 m² groß. Wir sehen die Gastronomie inzwischen als Anker. Der Wunsch, sich hinzusetzen und einen Kaffee zu trinken, ist nicht nur Vorwand, um dann zu shoppen, sondern das Ziel vieler Kunden. 40 Prozent der Besucher wählen das Shopping-Center nach dem Gastronomieangebot aus, 60 Prozent nutzen es. Gute Gastronomie zieht Leute an.

Wie setzt sich das Gastronomieangebot heute zusammen?

Einen Schwerpunkt bilden Cafés. Das reicht von Kaffeebars, Eiscafés bis hin zu Konditoreien und Confiserien. Oder ganz coole Coffee-Hotspots mit einem Craft-Coffee-Konzept, das sich an die Vollbart-Urban-Hipster richtet. Im Bereich Café gibt es viele Entwicklungen, die inzwischen Café mit Casual-Dining-Ganztagskonzepten verbinden – wie z.B. Wilma Wunder oder Cotidiano. Weiterhin sehr angesagt sind Quick-Service-Betreiber. Dann haben wir als dritte Säule Casual-Dining-Restaurants. Die kreieren Plätze, wo die Menschen hingehen, weil sie sich wohlfühlen möchten, weil sie sich mit Freunden treffen oder mit der Familie hingehen. Das sind Konzepte wie „Hans im Glück“, Balducci, Vapiano oder L’Osteria. Und die vierte Säule sind die Bäcker, Metzger, aber auch die Saftbars. Diese Mischung aus Lebensmittelverkauf und Gastronomie wächst gerade extrem stark. Und als Trend sehe ich die Erlebnisgastronomie. Konzepte wie O‘Learys, wo man etwa Bowling spielt. Diese laufen im Ausland schon sehr gut und scharren bei uns gerade mit den Hufen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Gastronomie?

Im Skyline Plaza in Frankfurt testen wir gerade die digitale Bestellplattform „Easy Dining“. Die Idee ist, die Bestellprozesse abzukürzen, indem ich vorher schon in meiner App eingebe, was ich essen möchte. Und wenn ich im Restaurant ankomme, ist mein Essen bereits da. Gerade in der heutigen Zeit ist es wunderbar, wenn ich in meiner Business-Pause nicht in einer Schlange stehen muss, sondern mein Essen gleich serviert bekomme.

Also: Mehr Service durch Digitalisierung?

Genau. Viele Gastro-Betreiber fragen sich, wie sie ihren Service-Level verbessern, ohne die Kosten nach oben zu treiben. Zum Beispiel McDonald’s. Dort werden jetzt die Speisen teilweise zum Tisch geliefert. In dem Moment, wo ich einen Bestellvorgang digital machen kann, brauche ich niemanden mehr an der Kasse, der die Bestellung aufnimmt, eintippt und weitergibt. Der Mitarbeiter von der Kasse kann dem Gast die Speise zum Tisch bringen. Damit habe ich einen ganz anderen Kundenkontakt.

Welche weiteren Entwicklungen siehst Du für die Zukunft?

Ich glaube, dass wird sich so einpendeln: Wir brauchen gute Gastronomie, wir müssen dazu auch neue Branchen etablieren wie beispielsweise Automobile oder Service – das kann ein Tattoo-Studio sein oder ein Barber Shop. Natürlich Online-Konzepte. Ich glaube, es wird einen kräftigen Schwung zurück auf die Regionalität geben – nach dem Motto: Nimm doch all das ins Center, was die Region und die Nachbarschaft ausmacht. Bilde dort den Community Hub. Integriere vieles, was mit Service zu tun hat und es dem Kunden angenehm macht. Vielleicht dazu in den oberen Etagen Ärzte. Ich glaube, wenn sich unsere Kunden im Center wohlfühlen, ihren Kaffee trinken und dann noch etwas einkaufen – dann bleibt ein Standort auch ganz langfristig relevant und erfolgreich.