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04.07.2019

"Wir stehen in der Bauwirtschaft vor einer unfassbaren Veränderung"

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Unsere Welt wird immer digitaler – das betrifft auch die Bauwirtschaft, die eine bisher nicht dagewesene Transformation erlebt. Über die Bedeutung dieses Wandels und dessen Auswirkungen sowohl auf die Branche selbst als auch auf den zugehörigen Arbeitsmarkt sprechen wir mit Markus Lentzler, ECE Managing Director Architecture & Construction.

Markus, auf den ersten Blick verbindet man die Baubranche ja eher mit schweren Maschinen als mit digitalen Anwendungen – welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Bauwirtschaft und wie hat sie sie verändert?

In der Tat gibt es viele digitale Themen, die uns in der Bauwirtschaft massiv bewegen und die Branche stark verändern. Der größte Veränderungsprozess liegt in der Digitalisierung der Abwicklung. Mit digitalen Technologien wie dem „Building Information Modeling“ – kurz BIM – können Prozesse effizienter, kostengünstiger und mit weniger Fehlern abgebildet werden. Sämtliche Planunterlagen werden in einer digitalen Prozesslandschaft gelistet, so dass jeder immer den aktuellen Stand und alle Informationen zum Projekt, den Abläufen und Produkten hat. Bisher haben wir ja in der Bauwirtschaft immer noch nach dem alten Prinzip „Stein auf Stein“ gearbeitet. Jetzt sind wir auf dem Weg, eine Industrie mit gemeinsamen Prozessen und Standards zu werden.

Welche weiteren Veränderungen gibt es?

Der zweite Aspekt der Digitalisierung betrifft das Material. Mit digitalen Anwendungen und der Codierung von Materialien können wir heute die Lieferkette optimieren und nur so viel Stahl, Beton oder Holz anliefern lassen, wie benötigt wird. Das ist viel nachhaltiger als bisher. Da gab es eine riesige Materialverschwendung durch falsch bestellte Mengen oder nicht genutztes Material. Drittens werden auch die Maschinen immer digitaler und smarter. Hier gibt es große Fortschritte durch den Einsatz von Messtechnik und Sensorik in der technischen Gebäudeausstattung. Geräte wie Lüftungsanlagen werden so energieeffizienter, oder sie melden sich, wenn eine Wartung ansteht.

Eine Branche im Umbruch

Wie weit ist die Branche auf dem Weg zu mehr Digitalisierung?

Es gibt Statistiken, die den Status quo recht plakativ verdeutlichen: So sagen 93% in der Bauindustrie, dass die Digitalisierung unserer Prozesse notwendig ist, doch weniger als 6% nutzen sie tatsächlich. Wir haben also noch ein ganzes Stück des Weges vor uns. Das Ziel ist aber klar: Durch die Digitalisierung der Prozesse wollen wir effizienter werden und können so letztendlich auch das serielle Bauen vorantreiben. Beides hilft uns dabei, Abläufe zu vereinfachen und Kosten zu optimieren. Bei der ECE beschäftigen wir uns intensiv mit der Optimierung von Prozessen und setzen bereits BIM als Methode ein. Aber die Branche als Ganzes muss ein Verständnis für die neuen digitalen Methoden entwickeln, erst dann können wir gemeinsam vorankommen.

Wie hat sich die Zusammenarbeit in der Baubranche – mit und ohne Digitalisierung – in den vergangenen Jahren verändert?

Die Branche ist gerade in einem erheblichen Umbruch. Die Auslastung ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren permanent gestiegen und liegt heute bei 80%. Das hat mit einem anhaltenden Mangel an Fachkräften zu tun, es kommen einfach nicht genügend Facharbeiter und Bauingenieure nach. Die Baubranche galt als unsexy, denn sie war immer mit der Aura von Streit und Konflikten belegt, weil durch die Trennung von Planung und Bauausführung in Deutschland nicht die Zusammenarbeit im Vordergrund stand. Um die Aufträge aber auch in Zukunft alle abwickeln zu können, müssen wir besser und partnerschaftlicher zusammenarbeiten. Das versuchen seit einigen Jahren viele in der Branche, etwa indem sie „Preferred-Partnership-Modelle“ ins Leben rufen. Dieser Prozess der engeren und besseren Zusammenarbeit entwickelt sich gerade sehr intensiv weiter. Und auch hier kann uns die Digitalisierung helfen.

Architecture & Construction bei der ECE

Immer auf der Höhe der Zeit – und darüber hinaus. Dank innovativer zukunftsweisender Lösungen sind wir immer am Ball, greifen erfolgsversprechende Trends auf und denken unsere Immobilien immer wieder völlig neu – getreu dem Motto: qualitative Marktführerschaft durch Innovation.

 

Wie sieht das Ganze in der Praxis aus, funktioniert der Plan?

Ja, wir arbeiten intensiv daran, gerade auch bei der ECE. Schon seit Jahren hat sich das Modell der „Preferred Partnership“ etabliert – zunächst mit mittelmäßigem Erfolg. Darum haben sich in den letzten drei Jahren verstärkt Bauindustrie und Bauherren zusammengesetzt und nach internationalen Vorbildern für eine gute und erfolgversprechende Form der Zusammenarbeit geschaut. Bei der ECE treiben wir das über die „Initiative TeamBuilding“ schon seit längerem voran. Und wir vergeben seit Jahren auch nur noch per Einzelvergabe oder über ein Partnermodell, um negative Auswirkungen auf Bauzeiten, Qualität und Kosten zu minimieren. Jetzt gehen wir mit neuen Vertragskonstrukten, die wir aus den USA und Großbritannien kennen und die sich dort erfolgreich etabliert haben, auch in Deutschland ganz neue Wege der Zusammenarbeit.

"Auch in Deutschland gehen wir ganz neue Wege der Zusammenarbeit"

Du sprichst vom so genannten Mehrparteienvertrag: Was ist das Neue an dem Konzept?

Das Innovative am Mehrparteienvertrag ist, dass die drei bis sieben Partner, die in diesem Vertrag für ein Projekt gebunden sind, alle ein gemeinsames Ziel haben: Das Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Trotz aller Partnerschaftsmodelle sind bis heute alle Verträge immer nur bilateral, der Mehrparteienvertrag aber ist multilateral angelegt: Alle Partner sind darin miteinander gebunden und alle partizipieren am unternehmerischen Erfolg des Projekts. Zu Planungsbeginn wird eine Kosten-Ziel-Definition entwickelt und dann wird gemeinsam geplant und gebaut, um diesen Zielpreis gemeinsam zu erreichen. Wird der Zielpreis unterschritten, profitieren alle Beteiligten davon. Ebenso beteiligen sich alle Unternehmen auch am Risiko des Gesamtprojekts. Im Mehrparteienvertrag werden immer die direkten Kosten bezahlt. Planer und Architekten werden also zum Beispiel nach den tatsächlich aufgewendeten Stunden bezahlt. Für die Arbeitsweise der Bauwirtschaft ist das eine Kulturveränderung, in anderen Branchen wird das dagegen schon länger praktiziert.

Die ECE setzt das Modell des Mehrparteienvertrags gerade erstmals in einem Projekt in Deutschland um. Ist das wirklich das erste Projekt dieser Art?

Ja, es ist tatsächlich das erste Mal, dass diese Form der Zusammenarbeit in Deutschland in die Tat umgesetzt wird. Und die ECE ist dabei ein wesentlicher Initiator und Treiber. Auslöser war die von uns ins Leben gerufene „Initiative TeamBuilding“. In diesem Rahmen haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir die partnerschaftliche Zusammenarbeit vorantreiben und die internationalen Erfahrungen auf ein Modell in Deutschland übertragen können. Diese Idee haben wir auf das Pilotprojekt der ECE in der HafenCity übertragen. Unser Ziel ist natürlich, dass der Mehrparteienvertrag mittelfristig marktkonform wird und viele Nachahmer findet.

Welche Rolle spielt der digitale Wandel für die Machbarkeit dieses Modells?

Das ganze Modell des Mehrparteienvertrags funktioniert nur in der digitalen Welt. Digitale Methoden wie BIM und Lean-Management-Ansätze sind unabdingbare Voraussetzung. Das sind ganz andere Arbeitsweisen als bisher, wo bestimmte Prozeduren vordefiniert waren und jeder für sich gearbeitet hat. In dem neuen Modell gibt es vom ersten Tag an einen 360-Grad-Blick auf das gesamte Projekt, das heißt: Wenn der erste Strich gezeichnet ist, kann ein Projektpartner schon wissen, welche Auswirkungen das auf Kosten oder Lieferketten hat. Aber auch die Art der Zusammenarbeit ist eine andere: Wir arbeiten für das Pilotprojekt gemeinsam in einem interdisziplinären Coworking Space zusammen, der den Austausch zwischen allen beteiligten Parteien und Gewerken fördert. Dort werden die Aufgaben für die nächsten Tage gemeinsam entwickelt, besprochen und entschieden. Das ist eine agile Management-Methode, die in der Bauwirtschaft bis heute kaum angewendet wird.

ECE Redaktionsteam

Unser Redaktionsteam berichtet über Wissenswertes in und aus der ECE und liefert über die Unternehmenskanäle aktuelle Informationen rund um unsere Immobilienprojekte. Darüber hinaus befassen wir uns intensiv mit Trends und Entwicklungen aus den Bereichen Marketplaces und Work & Live. In unserem Blog geben wir unseren Experten eine Stimme und liefern interessante Einblicke in Themen, die uns bewegen. 

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